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Krise und Kultur

Antonio Gramsci aktuell

 

Antonio Gramsci (1891-1937) gehört neben Rosa Luxemburg und Otto Bauer zu den Begründern einer westeuropäischen Perspektive des Sozialismus, die in der  Tradition der Aufklärung und der Demokratie steht.

Sein Konzept einer regierungsfähigen Zivilgesellschaft postuliert die Notwendigkeit einer Demokratisierung der Demokratie. Diese wiederum setzt einen Kampf um „Bildung und Kultur für alle“ voraus.

Als Leiter der Kommunistischen Partei Italiens (1924-1926) geriet er auch deshalb nicht in Gefahr, Kompromisse mit dem Stalinismus einzugehen, weil er bereits 1926 von Mussolini in Haft genommen wurde, wo er 1937 starb. Er gehört zu den meistzitiertesten Autoren der Welt und hat nicht nur Kommunisten beeinflusst, sondern auch Sozialdemokraten, Katholiken und nicht zuletzt Rechtsradikale. In der DDR galt er als unbequem und wurde aus der theoretischen Diskussion herausgehalten. In den neunziger Jahren erschienen seine Gefängnishefte in zehn Bänden auf deutsch. Sie sind aber wegen ihrer verschlüsselten Sprache und ihrer engen Bezugnahme auf zeitgenössische italienische Quellen selbst für Studierende eine schwere Lektüre geblieben. Dennoch gilt Gramsci zu recht als aktueller Denker, weil er die Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft nicht nur politisch und ökonomisch begründete, sondern vor allem die kulturellen Voraussetzungen dafür unter den demokratischen Verhältnissen Westeuropas zu bestimmen versuchte. Eine ökonomische und politische Krise allein, befand er schon 1922, würde hier zu keiner neuen Gesellschaft führen. 1926, kurz vor seiner Verhaftung, hatte er geschrieben: „....in den Ländern des fortgeschrittenen Kapitalismus besitzt die herrschende Klasse politische und organisatorische Reserven, die sie beispielsweise in Russland nicht besaß. Das bedeutet, dass die schwersten ökonomischen Krisen keine sofortigen Rückwirkungen auf politischem Gebiet haben...Der Staatsapparat ist sehr viel resistenter, als man oft glauben könnte, und es gelingt ihm, in Krisenmomenten viel mehr regimetreue Kräfte zu organisieren, als es die Tiefe der Krise ahnen lassen würde.“ Im Westen dagegen sähe man „im Erzittern des Staates sofort eine robuste Struktur der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter dem eine robuste Kette von Festungen und Kasematten lag “ – die Zivilgesellschaft.

Die moderne Zivilgesellschaft entstand mit dem Übergang zum allgemeinen Wahlrecht in Westeuropa:  Konsens und Hegemonie konnten hier nicht mehr nur mit Zwang organisiert werden.

Zu den neuen „Festungen und Kasematten“, die laut Gramsci in ihrer Gesamtheit die Zivilgesellschaft bilden, zählte er neben die politisch-rechtlichen auch alle im weitesten Sinne kulturellen Faktoren, „jene Aktivitäten, die heute unter die Formel ´juristisch indifferent` fallen und die unter der Herrschaft der Zivilgesellschaft stehen, welche ohne ´Sanktionen` und ohne genaue ´Verpflichtungen` wirkt, die aber dennoch einen kollektiven Druck ausübt und objektive Resultate bei der Ausarbeitung von Sitten, Denk- und Handlungsweisen, in der Moral usw. bekommt.“ Träger der  Zivilgesellschaft sind die „sogenannten privaten Organisationen“ wie „die Kirche, die Gewerkschaften, die Schulen.“. Die Presse sei „der dynamischste Teil dieser ideologischen Basis, aber nicht der einzige: Alles, was direkt oder indirekt die öffentliche Meinung beeinflusst oder beeinflussen kann, gehört ihr an: die Bibliotheken, die Schulen, die Zirkel und Clubs verschiedener Art bis hin zur Architektur, zur Anlage der Straßen und der Straßennamen.“ 

Auf Anregung meines Lehrers Werner Krauss (Das wissenschaftliche Werk, Gesamtausgabe im Aufbau Verlag 1987 und ab 1996 bei de Gruyter) habe ich 1976 als Italianistin zu Gramscis Kulturkonzeption an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften promoviert und auf Anregung von Iring Fetscher und Joseph Esser 1988 in Frankfurt am Main als Politikwissenschaftlerin zu Gramscis Zivilgesellschaft habilitiert. Neben drei erfolgreichen Büchern zu Gramsci kann ich auf über 70 Publikationen zu ihm in Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und im Rundfunk verweisen. Auch habe ich Seminare an deutschen Universitäten und im Ausland (1977-1988 in Algerien) abgehalten sowie auf zahlreichen internationalen Kongressen aktuelle Spezialprobleme herausgearbeitet und viele Vorträge vor normalem Publikum über ihn gehalten,. Ich darf behaupten, Gramscis Denken in Deutschland am populärsten und zugleich philologisch korrekt darzustellen.

 

Vorträge zu Gramsci können je nach Interesse des Publikums folgende Problemkomplexe enthalten:              

 

Alltagsverstand und kritisches Bewusstsein

Alltagsverstand und Hochkultur

Sexualität, Familie, Reformpädagogik

Gleichheit und Differenz. Kulturelle Vielfalt und Entwicklung

Kultursoziologie und Kulturpolitik

Ökonomie-Sprache-Hegemonie

Kulturindustrie und Hegemonie

Cultura Nazionale popolare

Amerikanismus

Geschlechterverhältnisse, Sexualität, 

Faschismus, Populismus und Futurismus

Historisches Denken und Aufklärung

Nation-Internationale-Europa

Von den Räten zur Bürgerbewegung

Vergesellschaftung statt Verstaatlichung

Gegen das Primat der Ökonomie. Keynesianismus. Planwirtschaft.

Gramsci, Mussolini und der Parlamentarismus

Faschismus und Planwirtschaft

Faschismus und Zivilgesellschaft

Sozialismus und Zivilgesellschaft

Gramscis Totalitarismustheorie

Der Staat, der nicht abstirbt

Revolution und Restauration in der Geschichte

Gramsci und die Frankfurter Schule

Die Intellektuellen. Gramsci und Bourdieu

Gramsci in der Moderne und in der Postmoderne

Gramsci in der Rezeption der extremen Rechten